Fristlose Entlassung der Archivleiterin beschlossen
Bericht der OZ: Beschluss des Hauptausschusses der Bürgerschaft fiel mit knapper Mehrheit aus. Stadtvertreter wollen auf Sondersitzung nächsten Mittwoch den Fall erneut aufrollen.
Der Skandal um den Verkauf historischer Bücher aus dem Stadtarchiv hat nicht nur national Kreise gezogen, er erschüttert mittlerweile auch die Grundfesten der Stadtpolitik und des Rathauses. Die zwei großen Fragen lauten:
Wer trägt die Verantwortung?
Wer muss seinen Hut nehmen?
Geht es nach Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) und einer knappen Mehrheit des Hauptausschusses der Bürgerschaft, der gestern tagte, soll Archivleiterin Dr. Regina Nehmzow die Zeche zahlen. Mit 5:3 Stimmen wurde in nichtöffentlicher Beratung ihre fristlose Kündigung beschlossen.
Dagegen votierten Vertreter von Linken und SPD, eine Stimmenthaltung gab es von CDU-Fraktionsmitglied Eckehard Nitschke.
Nicht der Schimmelbefall der Bestände oder der Verkauf der 6000 Bände aus der Gymnasialbibliothek würden den Ausschlag für die Kündigung geben, sondern das Bekanntwerden weiterer Verkäufe an den Bürgerschaftsgremien vorbei, begründete die Stadtverwaltung. Vorrangig geht es dabei um die Veräußerung von 1000 Büchern im März dieses Jahres für 20 000 Euro. Dazu ermittelt jetzt auch die Staatsanwaltschaft. Nach OZ-Informationen hatte Archivleiterin Regina Nehmzow, die mit Rechtsbeistand erschienen war, erstmals Gelegenheit, vor Stadtvertretern Stellung zu nehmen. Wie sie erklärte, hätte das Archiv bereits seit den 90er-Jahren um mehr Geld für die Pflege der historischen Bestände gebettelt. Man sei damit aber immer wieder bei den Vorgesetzten abgeblitzt. So habe ihr Vorgänger, Dr. Hans-Joachim Hacker, schließlich als eine Art Verzweiflungsakt die Methode entwickelt, Dubletten zu verkaufen, um etwas Geld für die Restaurierung der wertvollen Bestände zu erhalten. Sie habe diese Praxis dann seit 2009 fortgeführt. Die Gymnasialbibliothek, an der sich jetzt der ganze Skandal entzündete, sei immer mehr vergammelt. Deshalb habe man sich entschlossen, durch den Verkauf noch etwas Geld einzunehmen, bevor man einiges ganz wegschmeißen müsste. Nach den Worten von Regina Nehmzow wusste der OB-Stellvertreter über die Praxis des Bücherverkaufs Bescheid. Dem widersprach Holger Albrecht jedoch energisch.
Das letzte Wort über die Kündigung ist aber längst nicht gesprochen. Auf der anschließenden Bürgerschaftssitzung gestern Nachmittag forderte die Wählergruppe Adomeit eine Sondersitzung. Dort will man den Antrag einbringen, den Beschluss über die fristlose Kündigung zu kassieren und das Verfahren an sich zu ziehen. Die Beratung soll am kommenden Mittwoch um 16 Uhr stattfinden, aller Voraussicht nach in nichtöffentlicher Sitzung. OB Alexander Badrow informierte die Stadtvertreter, dass 90 Prozent der Bücher der Gymnasialbibliothek nach Stralsund zurückgekehrt seien und der Käufer sich gemeldet hat, dass weitere Bücher an ihn zurückgegeben werden, die er an die Stadt weiterreichen will. Bei der Aufarbeitung des Themas gebe es Hilfe vom Landesarchivar sowie von der Uni Greifswald. Wie Badrow sagte, soll das Kloster unbedingt weiter Heimstatt des Stadtarchivs belieben. Allerdings benötige man ein zusätzliches Depot zur Lagerung von Beständen. Dafür wird ein Umbau der Nachrichtenzentrale bei der Deutschen Rentenversicherung an der Schwedenschanze in Betracht gezogen. Kosten: etwa zwei Millionen Euro.
Jeden Tag wieder neue Meldungen. Mir erscheint das alles etwas sehr undurchsichtig. Es tut mir leid, dass Frau Nehmzow allein den Kopf dafür hinhalten muss.“ Anja Kühl (23), Ergotherapeutin
Machenschaften sind das! Wenn die Archivchefin das zu verantworten hat — und nur dann — wäre die Kündigung rechtens. Wie kann man solche Schätze verhökern?“ Bärbel Radke (56), Rentnerin
Es ist traurig, wie mit unserem Weltkulturerbe umgegangen wird. Dem Schimmel hätte man früher entgegenwirken können. Damit muss man bei alten Gemäuern doch rechnen." Stefan Zietz (28), Produktionsarbeiter
Ich finde erschreckend, dass die Bücher jetzt bei eBay verhökert werden. Solche Sammlungen sollten in der Heimat verbleiben und nicht versteigert werden.“ Heike Schmidt (51), Kita-Leiterin
Eigentlich wird doch alles in der Bürgerschaft beraten und beschlossen. Der OB hat das letzte Wort. Dann dürfte nicht Frau Nehmzow die alleinige Schuld übertragen werden.“ Lothar Hirsch (62), Rentner
Irgendwer muss nun dafür büßen, und wenn es der kleine Mann beziehungs- weise die kleine Frau ist. In meinen Augen ist Regina Nehmzow das Bauernopfer, die nun den Hut nehmen soll.“ Stefanie Lemke (36), Erzieherin
(Mit freundlicher Genehmigung von J.P. Woldt (OZ) veröffentlicht)
