Innenministerium befasst sich mit Stadtarchiv Stralsund
Die Welterbestadt Stralsund hat historische Bücher aus ihrem Stadtarchiv verkauft. Fachleute bewerten den Verkauf als Kulturbarbarei und sehen Gesetze verletzt. Nun befasst sich das Innenministerium mit den Vorgängen.
Am Verwaltungsgebäude des Stadtarchivs von Stralsund hängt am 05.11.2012 ein Schild mit der Aufschrift "geschlossen". Nach der Kritik an dem Verkauf einer rund 5600 Bände umfassenden historischen Bibliothek aus dem Stadtarchiv Stralsund an einen privaten Antiquar befasst sich das Innenministerium mit den Vorgängen. Das Stadtarchiv beherbergt Dokumente von europageschichtlichem Rang zur Hansegeschichte.
Nach der Kritik an dem Verkauf einer rund 5600 Bände umfassenden historischen Bibliothek aus dem Stadtarchiv Stralsund an einen privaten Antiquar befasst sich das Innenministerium mit den Vorgängen. Die Hansestadt Stralsund und das für Archivrecht zuständige Kultusministerium seien um eine Stellungnahme gebeten worden, sagte eine Sprecherin des Innenministeriums am Mittwoch der dpa. Nach Vorliegen dieser Stellungnahme könne geprüft werden, ob gegen Rechtsvorschriften verstoßen wurde.
Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch ein Protestschreiben des in Freiburg tätigen Mittelalterforschers und Archivars Klaus Graf. Der Verkauf sei eine „unglaubliche Barbarei“. Er wirft der Welterbestadt Stralsund vor, ein als unveräußerlich geltendes Kulturgut verkauft zu haben. Kritik kommt auch vom Landeskirchlichen Archiv in Greifswald. Die Meldungen über den Verkauf hätten ihn zutiefst deprimiert und fassungslos gemacht, schreibt Oberkirchenrat Christoph Ehricht in einem offenen Brief. Sammlung offenbar doch wertvoll.
Die Stadt, die sich seit zehn Jahren mit dem Welterbe-Titel schmückt, hatte sich im Sommer 2012 von dem Großteil des bis ins 16. Jahrhundert hineinreichenden Bestandes der Stralsunder Gymnasialbibliothek getrennt. Öffentlich wurde der Verkauf erst Mitte September, als Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) einen plötzlichen Schimmelbefall beklagte, der beim Verkauf der Sammlung aufgefallen sei. Damals sprach Badrow von einem weniger wertvollen Bestand. Möglicherweise ist dem nicht so. „Die Bibliothek dieser Schule geht auf das Jahr 1627 zurück, enthielt aber durchaus Drucke, die bis in die Gründungszeit der höheren Lehranstalt zurückreichten“, schrieb Ehricht in dem offenen Brief. Bei der Gymnasialbibliothek handele es sich nach den Verlusten am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg um die bedeutendste historische Schulbibliothek, die in Pommern erhalten geblieben sei. Nach Recherchen des Freiburger Archivars Graf bestehe der Verdacht, dass zudem zwei Bände veräußert worden seien, die der bekannten Löwenschen Bibliothek zuzuordnen seien.
Die Stadt gibt sich bedeckt und macht keine Angaben zu den Hintergründen des Verkaufs, auch nicht zum Kaufpreis. Stralsunds Oberbürgermeister Badrow erklärte inzwischen, er wolle eine unabhängige Fachmeinung von außen einholen. „Es wird für den Gutachter darum gehen, zu prüfen und zu bewerten, ob die getroffene Entscheidung unter Berücksichtigung aller relevanten Bestimmungen fachlich zu vertreten war“, sagte Badrow.
Oberkirchenrat: Verheerender Umgang mit kulturellen Erbe Zu den kostbarsten Teilen der verkauften Bücher gehörte laut Graf die Sammlung des Stralsunder Poeten Zacharias Orth (1530-1579), die 1644 in die Gymnasialbibliothek einging. Bücher der Stralsunder Gymnasialbibliothek mit Regionalliteratur aus Pommern und theologischen Schriften werden inzwischen über das Internet zum Verkauf angeboten. „Der Bestand als Ganzes war ein Zeugnis ersten Ranges für die Bildungsgeschichte der Stadt und des ganzen Ostseeraumes“, beklagte Oberkirchenrat Ehricht. Der Verkauf werfe „ein verheerendes Licht auf den Umgang mit dem kulturellen Erbe einer Stadt, die erst vor zehn Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe erhoben wurde“.
