Nach Schimmelbefall: Stadtarchiv muss saniert werden
Inzwischen liegt ein Gutachten für das Johanniskloster vor. Ob dort jemals wieder Teile der historischen Buchbestände gelagert werden können, ist weiter unklar. Was gut für das Gebäude ist, ist schlecht für die Bücher.“Burkhard Kunkel, Beauftragter der Stadt für die historischen Bestände. Nach dem Skandal um die Schimmel-Bücher im Stadtarchiv ringt die Stadt noch immer darum, die Schäden zu beseitigen.
Der Eingang ist noch immer versperrt. Ein Schild weist darauf hin, dass das Stadtarchiv Stralsund geschlossen ist. Nach dem Skandal um die schimmelbelasteten Bücher im Sommer 2012 im Stralsunder Stadtarchiv ringt die Stadt noch immer darum, die Schäden zu beseitigen. Fakt ist: Noch lagern tausende historische Bände im mittelalterlichen Johanniskloster.
Während im vergangenen Jahr die erste Hälfte des 125 000 Bände umfassenden Bestandes von Spezialisten im Leipziger Zentrum für Bucherhaltung gereinigt wurden, hat die Säuberung der zweiten Charge gerade begonnen. Wie im Vorjahr stellt Stralsund für diese Maßnahmen 250 000 Euro bereit (OZ berichtete). Die Stadt hat inzwischen erste Schritte für eine vollkommene Neuordnung der historischen Bestände eingeleitet. „Es ist ein mühsamer Weg“, sagt der zuständige Amtsleiter, Holger Albrecht.
Inzwischen liegt ein bauphysikalisches Gutachten vor, auf deren Grundlage das im 13. Jahrhundert erbaute Johanniskloster saniert werden kann. Ob dort allerdings jemals zumindest Teile der historischen Buchbestände gelagert werden können, sei weiter unklar. „Es wäre unser größter Wunsch“, sagt Albrecht. Letztendlich sei dies aber eine Kosten-Nutzen-Abwägung. „Der Sanierungsaufwand ist sehr groß.“Gutachter des Leipziger Zentrums für Bucherhaltung kamen im November 2012 zu dem Ergebnis, dass in keinem der Räume des Klosters, in dessen Sanierung zwischen 2009 und 2013 immerhin 1,8 Millionen Euro flossen, die für die Lagerung von Archivgut geforderte Luftfeuchtigkeit von 45 bis 55 Prozent und eine konstante Temperatur von 18 Grad gehalten werden könne. Sie empfahlen einen Neubau.
Der Schimmelskandal in der als Welterbe geschützten Stadt Stralsund hatte deutschlandweit Wellen geschlagen und dem Image der Stadt als sensiblen Hüter historischer Werte geschadet. Über Jahrzehnte hatte Feuchtigkeit den Büchern, die seit 1963 in der Klosteranlage verwahrt waren, zugesetzt. Sicher wäre die schleichende Zerstörung weiter vorangeschritten, hätte es nicht einen zweiten Vorgang gegeben, über den sich die Öffentlichkeit später erregte — den heimlichen Verkauf von rund 5900 Büchern aus dem Archivbestand, der letztendlich aufflog. Die damalige Archivleiterin Regina Nehmzow wurde ihren Job los und arbeitet nach einem juristischen Streit mit der Stadt mittlerweile im Kulturhistorischen Museum. Ob Nehmzow mit dem Verkauf ihre Verpflichtungsermächtigung überschritten hat, prüft weiter die Staatsanwaltschaft in Stralsund.
Der neue Archivdirektor Dirk Schleinert, ausgewiesener Archivar und Kenner der pommerschen Geschichte, beginnt am 1. März mit seiner Arbeit. Schon seit spätestens 2011 war klar, dass es im Johanniskloster große Probleme mit der Feuchtigkeit gibt. Die Zeitschrift der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, „Monumente“, hatte unter dem Titel „Vom Unheil des Salzes“ über die akuten Probleme berichtet — Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) will erst 2012 von den desaströsen Zuständen in den Archivräumen erfahren haben.
„Was gut für das Gebäude ist, ist schlecht für die Bücher“, sagt Burkhard Kunkel, der Beauftragte der Stadt für die historischen Bestände. Im Johanniskloster lagert wie in vielen mittelalterlichen Gemäuern Norddeutschlands Salz in den Poren der Backsteine. Die hohe Feuchtigkeit sorge dafür, dass die Salze nicht kristallisieren und wertvolle Wandfresken beschädigen. Andererseits ist die Feuchtigkeit ein hervorragendes Nährbett für Schimmelkulturen. Auf die Stadt kommen MillionenInvestitionen zu: Der Umbau einer einstigen NVA-Nachrichtenzentrale auf der Schwedenschanze zum Zentralarchiv, in dem die Stadt die Bestände sicher verwahren möchte, kostet knapp vier Millionen Euro. Die Baugenehmigung liegt vor, doch bislang fehlt die vom Land benötigte Fördermittelzusage.
Auch im Johanniskloster stehen umfangreiche Sanierungsarbeiten an. Die Kosten sind bislang nicht bezifferbar: Die über die Jahrhunderte gewachsenen Höfe müssten laut Gutachten um ein bis zwei Meter abgesenkt werden, damit Feuchtigkeit nicht mehr über Wände in die Räume dringen kann, wie Kunkel sagte. Klimaschleusen und diffusionsoffene Fußböden seien erforderlich.
Welche Maßnahmen mit welchem Aufwand und wann durchgeführt werden, soll erst unter dem neuen Archivleiter entschieden werden. Dann lasse sich auch die Frage beantworten, ob in dem Kloster jemals wieder historische Bücher gelagert werden.
<media 109356 - download "Leitet Dateidownload ein">Informationen zur SES</media> (Stadterneuerungs-Gesellschaft Stralsund)
