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Schimmel-Bücher: Kosten für Reinigung explodieren

OZ/ Benjamin Fischer

Bericht der OZ: Die Rettung der Stralsunder Schätze wird deutlich teurer, als bislang bekannt war. 585 historische Bücher sind seit dem Skandal um das Stadtarchiv verschwunden.
Extremer Kostenanstieg bei der Reinigung der Schimmel-Bücher aus dem Stralsunder Stadtarchiv: Statt 110 000 Euro, die im vergangenen Jahr für die Säuberung der im Stadtarchiv vernachlässigten Preziosen veranschlagt worden waren, hat die Rettung der ersten knapp 30 000 Bände bereits jetzt eine Viertelmillion Euro gekostet.

Für dieses Jahr hat die Stadtverwaltung weitere 250 000 Euro eingeplant. Mit diesem Betrag sollen die nächsten 25 000 Bücher gereinigt werden. Diese Zahlen bestätigte das Rathaus gestern auf Anfrage der OSTSEE-ZEITUNG. Insgesamt ist so eine halbe Millionen Euro notwendig, um die Schäden zu beheben, die durch eine unsachgemäße Lagerung in längst sanierungsbedürftigen Archivräumen mit zu hoher Luftfeuchtigkeit entstanden waren.

Alle Reinigungsarbeiten werden von den Experten des Leipziger Zentrums für Bucherhaltung durchgeführt, die seinerzeit bei der Ausschreibung der entsprechenden Aufträge das beste Angebot abgegeben haben sollen. Aber auch im Stadtarchiv selbst werden einige Exemplare an einer speziellen Werkbank gereinigt. Jürgen Suhr, Chef der Fraktion Forum Kommunalpolitik in der Stralsunder Bürgerschaft, bezeichnet es als „bitter“, dass die Stadt „die groben Fehler aus den vergangenen Jahrzehnten jetzt teuer zu stehen kommen. Und dies in einer überaus angespannten Haushaltssituation, in der wir jeden Cent dringend benötigen.“ Die aufwändigen Maßnahmen zur Rettung der historischen Buchbestände seien aber ohne Alternative. „Und somit ist auch deren Finanzierung unumgänglich“, betont Suhr.

Unwiederbringlich aus dem Stadtarchiv verschwunden sind unterdessen 585 Bände der rund 6200 Exemplare umfassenden historischen Gymnasialbibliothek. Seit dem umstrittenen Verkauf dieses besonders wertvollen Bestandes im Sommer 2012 an einen privaten Antiquar für damals 95 000 Euro konnte die Stadt den Großteil der Werke in einem Zug zurückerwerben. Zuletzt schickte ein Antiquar 45 Bände freiwillig zurück. 18 weitere stöberten die Mitarbeiter des Stadtarchivs auf dem freien Markt wieder auf. Deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft Stralsund weiter gegen die frühere Archivchefin Dr. Regina Nehmzow wegen des Verdachts der Untreue. Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Ralf Lechte sollen die Ermittlungen in etwa vier Wochen abgeschlossen sein. Dann will die Behörde verkünden, ob Anklage erhoben wird. Die bereits gereinigten Bücher werden bis auf Weiteres in Leipzig gelagert — solange, bis in Stralsund eine frühere NVA-Nachrichtenzentrale auf der Schwedenschanze zum neuen Zentraldepot umgebaut worden ist. Wann dies sein wird, ist offen. Auch die Finanzierung des Vorhabens ist nach Angaben der Stadtverwaltung noch ungeklärt. Pläne, die Nachrichtenzentrale zu einem Parkhaus umzubauen, sind inzwischen aber verworfen worden.

Skandal nach Schema F Stadtverwaltungen und ihre Skandale funktionieren oft nach dem gleichen Muster. Wenn sich, nachdem alles herausgekommen ist (und es kommt immer alles heraus!), der Pulverdampf verzogen hat, und die Verantwortlichen zögerlich zugegeben haben, dass da mal etwas so richtig schiefgelaufen ist, muss die Sache irgendwie behoben werden. Darin unterscheiden sich auch die Hansestädte Stralsund und Greifswald nicht. In Stralsund verhökert das Stadtarchiv seine wertvollen Bestände und merkt erst dabei, dass die Bücher ohnehin alle verschimmelt sind. Jetzt die Reinigung, die mit einer halben Millionen Euro doppelt so teuer wird, wie geplant. So wie das neue Rathaus in Greifswald — ebenfalls doppelt so teuer. In Stralsund geht‘s aber nicht um ein x-beliebiges Neubau-Vorhaben. Nein, der Archiv-Skandal steht hier vielmehr für den Umgang mit der Vergangenheit, dem Potenzial der Welterbe-Stadt. Deshalb mögen die 500 000 Euro für die Reinigung der Bücher wehtun. In einer Situation wie jetzt könnte das Geld aber nicht besser angelegt sein.

(Mit freundlicher Genehmigung von J.P. Woldt (OZ) veröffentlicht)

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