Schimmel wuchert nicht nur in Stralsund
Archivare und Bibliothekare aus MV beklagen auf einer gemeinsamen Tagung knappe Kassen.
Archivare und Bibliothekare aus MV beklagen auf einer gemeinsamen Tagung knappe Kassen.
Der Schock über Schimmel im Stadtarchiv und verkaufte Buchsätze sitzt bei der Stralsunder Verwaltungsspitze noch immer tief. "Wir möchten zeigen, dass wir die Probleme ernst nehmen und offen und kontrovers damit umgehen", sagte der stellvertretende Oberbürger- meister Holger Albrecht gestern beim Tag der Bestandserhaltung im Rathaus. Dart trafen sich rund 70 Archivare und Bibliothekare aus ganz Mecklenburg-Vorpommern erstmals gemeinsam.
Initiiert hatte die Veranstaltung die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK). Sie wurde 2011 für einen Zeitraum von fünf Jahren ins Leben gerufen und ist an der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedelt. Ihre Hauptaufgabe ist es, due Bundesländer bei der Erhaltung von Orginalen in den Archiven und Bibliotheken zu unterstützen. "In der Öffentlichkeit muss das Bewusstsein für den Wert dieser Bestände wachsen", betonte Robert Kretzschmar vom KEK-Fachbeirat. "Es gehe darum, stabile Strukturen zu schaffen, die auch auf Dauer finanziert werden".
Jörn Mothes, stellvertretender Abteilungsleiter im Kulturministerium, bedauerte, dass die Öffentlichkeit oft nur durch Skandale sensibilisiert würde. Schriftliches Kulturgut spiele eine besondere Rolle für die Identitätsbildung. In Mecklenburg-Vorpommern gebe es aber "noch nicht genug Einsatz, das als Aufgabe zu sehen, weil der Tintenfraß oft schneller voranschreitet als unsere Aktivitäten", merkte er selbstkritisch an.
Nicht nur die Stralsunder kämpfen mit ungünstigen Lagerbedingungen, wurde bei beiden Fachvorträgen deutlich. So hat die KEK Modellprojekte in der Landesbibliothek Schwerin und in der Universitätsbibliothek Rostock gefördert, wo alte Baupläne massiv durch Feuchtigkeit beeinträchtigt wurden. Die Hansestadt ist allerdings insofern ein trauriger Einzelfall, als der gesamte Archivbestand befallen ist.
Oft fehlt es an Geld, um die Bestände fachgerecht zu pflegen. Aus Sicht von Bernd KAsten vom Landesarchiv in Schwerin sind die Probleme in kommunalen Archiven derzeit am größten. Seit zwei Jahren erhalten sie kaum noch Unterstützung durch das Land. Hier müsse ein Zeichen gesetzt werden. "Wenn es Fördermittel gibt, werden in der Regel auch Gelder durch die Kommunen freigegeben", ist Kasten überzeugt.
Bei den Bibliotheken sieht es nichz viel besser aus. Robert Zepf von der Universitätsbibliothek Rostock weist darauf hin, dass die seit 2002 nicht mehr mit einem eigenen Etatposten im Landeshaushalt ausgewiesen werden. Das sei umso bedauerlicher, als es in MV zwar verhältnismäßig wenige, dafür aber umso bedeutsame Bestände gebe.
Zurzeit wird ein landesweites Netzwerk historischer Bibliotheken ins Leben gerufen. Darüber sollen der Verkauf wertvoller Bestände besser kontrolliert, Schäden systematisch ermittelt, Gelder eingeworben und der fachliche Austausch befördert werden.
Für Holger Albrecht sind solche Zusammenschlüsse unabdingbar. Es habe in Stralsund "Mängel im bisherigen Umgang mit den Archivalien gegeben. Ohne Kooperation hätten wir die bisherige Qualität bei der Fehlerabstellung nicht erreicht".
(Mit freundlicher Genehmigung von J.P. Woldt (OZ) veröffentlicht)

