In Leipzig wird der Schimmel gekillt
Beitrag der OZ- Ostseezeitung: Bis November werden 22.000 Archivbände professionell gereinigt. Zunächst bleiben die Bestände in Sachsen.
Beitrag der OZ- Ostseezeitung: Bis November werden 22.000 Archivbände professionell gereinigt.
Zunächst bleiben die Bestände in Sachsen.
Und ab die Post! Das große Packen hat gestern im Johanniskloster begonnen. Denn jetzt gehen die Stralsunder Schimmelbücher, die im Vorjahr deutschlandweit für unrühmliche Schlagzeilen sorgten, per Lkw-Transport nach Leipzig. Im dortigen Zentrum für Bucherhaltung (ZfB) sollen die rund 22.000 Bände gründlich gereinigt werden. Die Firma hatte das Ausschreibungsverfahren gewonnen.
Mitarbeiter des Unternehmens greifen in die langen Regalwände und nehmen ein Buch nach dem anderen heraus, um die bereitgestellten Umzugskartons zu füllen. Die werden dann nummeriert.
"Es ist besser, dass wir es allein machen. Dann finden wir wenigstens alles wieder", sagt Rolf Gelbke. Seit vier Jahren arbeitet der 62-Jährige als Assistent für Konservierung in dem Fachzentrum. "Ich denke, der größte Teil ist zu retten", schätzt er ein. Da habe er schon Schlimmeres gesehen, wenn er zum Beispiel an die Bücher denkt, die nach dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar durch seine Hände gegeangen sind. "Die Trockenreinigung erfolgt mit speziellen Absaugmaschienen, die den Schimmel und den Staub von den historischen Bänden beseitigen", beschreibt er.
Auch die Hansestadt verfügt seit kurzem über so eine Reinraum-Werkbank. Was aber in Stralsund 25 Jahre dauern würde, soll durch die Hilfe der Experten in Sachsen bereits im November abgeschlossen sein. "Das Leipziger Unternehmen verfügt über ganz andere Kapazitäten als wir. Und die Leute haben 20 Jahre Erfahrung. Das ist höchst professionell", sagt der Stralsunder Restaurator und Kunsthistoriker Dr. Burkhard Kunkel. Blatt für Blatt würden sich die Kollegen jedes einzelne Buch vornehmen. Er selbst will sich die Arbeiten vor Ort voraussichtlich im September ansehen.
Kunkel hält einen der Bände aus der so genannten Gotischen Bibliothek, zu der rund 18.000 Bücher zählen, in die Hand. Diese Sammlung erhielt ihren Namen nicht, weil sie vorwiegend Bücher der Gotik vereint, sondern aufgrund der gotischen Architektur des Raumes, in dem sie sich bisher befand.
Der riecht feucht und muffig.
Als Burkhard Kunkel mit dem Finger über den Buchschritt von Homers "Ilias-Sage" aus dem 16. Jahr- hundert streicht, sieht man deutlich die grauen Schimmelspuren. Nicht anders ist es bei einer kleinen mittelalterlichen Pergament-Handschrift, die er vorsichtig öffnet und vorzeigt.
Mit auf die Reise nach Leipzig geht auch die komplette Löwensche Bibliothek. Insgesamt 600 Umzugs- kartons. In weiteren 310 Bücherkisten befindet sich die Gymnasialbibliothek, deren Anfänge in das Jahr 1560 reichen. Der Verkauf von Teilen dieses einzigartigen Schatzes durch das Stadtarchiv und Angebote im Internet hatten den Bücherskandal überhaupt erst ausgelöst. Den größten Teil der rund 5.000 Bände erlangte die Stadt wieder zurück.
Nachdem die Bücher gereinigt sind, werden sie aber noch längst nicht wieder nach Stralsund zurück- kehren. Bis zur Fertigstellung eines neuen Zentraldepots sollen sie unter optimalen klimatischen Bedingungen keimfrei in Leipzig beziehungsweise an anderen Orten gelagert werden.
Neben dem Zentraldepot plant die Stadt die Sanierung des Stadtarchivs in der alten Klosteranlage. Dazu finden derzeit Probebohrungen statt, um den genauen Aufschluss über den Zustand der Bausubstanz zu erhalten, erklärt Kunkel. Schutt und Erdhaufen in den Gewölbegängen zeugen von den Untersuchungen.
250.000 Euro gibt die Stadt in diesem Jahr für die Reinigung und Rettung der historischen Archiv-Bücher aus.
Heute kommt der erste Lastwagen einer Spedition, um die Umzugskartons palettenweise aufzuladen. Bis zum Wochenende soll der Transport nach Leipzig abgeschlossen sein.
Bis zur Errichtung eines Zentraldepots in Stralsund bleiben die Bücher in Sachsen. Für das Kulturlager will die Hansestadt eine alte Nachrichtenzentrale umbauen. Wann die Räume fertig sind, steht noch nicht fest. Auch das Konzept für die Archivsanierung liegt noch nicht vor.
(Mit freundlicher Genehmigung von J.P. Woldt (OZ) veröffentlicht)
Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund: Chronologie der Ereignisse im Zusammenhang mit dem Schimmelbefall und dem Verkauf der Gymnasialbibliothek hier

