Skip to main content

Schimmelbücher: Reinigung in Leipzig

Marlies Walther
© Foto: OZ - „Türkendruck“

Beitrag der OZ- Ostseezeitung.de : - Experten sollen rund 22 000 Bände „behandeln“, darunter 5000 aus der historischen Gymnasial- bibliothek. Ein bisschen sei es immer wieder wie Weihnachten, sagt Dr.Burkhard Kunkel. Der Kunsthistoriker und Restaurator öffnet einen Karton. Die Kiste hat ein Berliner Antiquar geschickt. Sie enthält weitere Bände aus der Stralsunder Gymnasialbibliothek, die im Vor- jahr verkauft wurden. Das hatte eine Welle der Entrüstung ausgelöst. Nun sind sie zurück und werden für den Versand zur Reinigung vorbereitet.

Kunkel wickelt ein Buch aus, das sorgfältig in braunes Papier einge- schlagen ist. „Novaliteraria Maris Balthici, Lübeck und Hamburg“ ist auf dem Einband zu lesen. Auf der ersten Seite prangt deutlich ein Stempel „Als Eigentum des Stadtarchivs Stralsund gelöscht“. Da- rüber kann Waltraut Lewing nur den Kopf schütteln. Zusammen mit weiteren Kulturausschuss-Mitgliedern nutzte die Stadtvertreterin jetzt die Chance, den Bestand anzusehen. Der lagert in Umzugskisten in den Räumen des Kulturamtes in der Hafenstraße. Für die CDU- Politikerin ist es kaum nachvollziehbar, dass der Wert der Bibliothek, deren Anfänge in das Jahr 1560 reichen, so unterschätzt wurde. Obwohl es exakte Verzeichnisse gibt.

Der größte Teil der von Schimmel befallenen Bücher soll nun vom Zentrum für Bucherhaltung (ZFB) gereinigt werden. Denn die eigenen Kräfte der Stadt reichen nicht aus. Das Leipziger Unternehmen, das über die entsprechende Technik verfügt, hat die Ausschreibung ge- wonnen, sagt Kunkel. Der Vergabe Vorschlag müsse noch in den Hauptausschuss. Wenn der die Genehmigung erteilt, könne derAuftrag ausgelöst werden. Insgesamt sind rund 22 000 Bände des Stadtarchivs fachgerecht zu säubern. Darunter etwa 5000 aus der Gymnasialbibliothek. Von welch „unschätzbarem Wert“ die einzigartige Sammlung ist, darüber gebe es nun wohl keinen Zweifel mehr, so Kunkel. Das sei auch auf dem Landesarchivtag letzte Woche in Putbus deutlich geworden.

Inzwischen hat Stralsund über 90 Prozent der Bücher wieder. Die Käufer hätten den Rückerwerb zu dem Preis ermöglicht, den sie bezahlten. „Keiner wollte mehr haben“, lobt Kultursenator Holger Albrecht das Entgegenkommen. „Zurückgewonnen haben wir auch18 sehr wertvolle Einzelexemplare, mit denen es uns gelingt, die Identität, den Charakter der Bibliothek zu rekonstruieren“, erklärt Kunkel. Dazu gehört „Gographia“ von Ptolemäus aus dem Jahr 1542 mit einem Marktwert von 17 000 Euro, Tendenz steigend. „Das ist schon so, als ob man Feinunzen Gold in der Hand hält.“ Dieses Buch hatte die Unibibliothek Basel ersteigert, ebenso wie den Band „Biblia Graeca“ von Zacharias Orth von 1553. Nicht minder wertvoll ist die „Biblia Tamulica“ aus dem 17. Jahrhundert – einer der ersten Drucke, die in Indien hergestellt wurden. Die Herzog- August-Bibliothek Wolfenbüttel rückte diesen Schatz nun wieder heraus. Ebenso wie die Bayrische Staatsbibliothek dafür sorgte, dass ein ganz besonderes Unikat wieder in die alte Heimat durfte: der so genannte Türkendruck. „Davon gibt es tatsächlich nur dieses eine Exemplar auf der Welt“, betont Kunkel. In dem Sendschreiben von Ferdinand I. an die Fürsten des Sächsischen Kreises aus dem 16. Jahrhundert geht es um die Abhaltung eines Reichstages zur Türkenfrage.

Nur bei einem Werk macht sich Kunkel keine Hoffnung, dass es jemals wieder nach Stralsund gelangt: Die gedruckte Doktorarbeit von Johannes Kepler „Cosmographia“ ging für 44 000 Euro in die USA und wird wohl unwiederbringlich verloren sein.

Ziel der Stadt sei es, den historischen Buchbestand auch künftig im Stadtarchiv unterzubringen, so Senator Albrecht. Dafür werde von der Stadterneuerungsgesellschaft ein Konzept erarbeitet. Außerdem laufen die Vorbereitungen für ein Zentral-Depot für Kulturgüter mit Hochdruck. Gestern habe es mit der Liegenschaftsentwicklungsgesellschaft und dem zuständigen Planungsbüro eine erneute Abstimmungsrunde gegeben.

(Mit freundlicher Genehmigung von J.P. Woldt (OZ) veröffentlicht)


Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund: Chronologie der Ereignisse im Zusammenhang mit dem Schimmelbefall und dem Verkauf der Gymnasialbibliothek hier

Zurück zum Kopf der Seite